Shopware und Shopify im Kurzportrait
Shopware ist ein deutsches Open-Source-Shopsystem, das seit 2004 entwickelt wird. Mit Shopware 6 hat das Unternehmen die Plattform komplett neu aufgebaut: moderne API-first-Architektur, Symfony-basiert, vollständig headless-fähig. Shopware wird selbst gehostet oder über die Shopware Cloud betrieben und ist besonders im DACH-Raum stark verbreitet.
Shopify ist eine kanadische SaaS-Plattform (Software as a Service), die 2006 gegründet wurde. Shopify übernimmt Hosting, Sicherheit und Infrastruktur — Händler mieten quasi ihren Shop. Mit über 4 Millionen Shops weltweit ist Shopify der Marktführer im internationalen E-Commerce. In Deutschland wächst der Marktanteil, liegt aber noch deutlich hinter Shopware.
Die Grundphilosophie
- Shopware: Maximale Kontrolle und Anpassbarkeit. Sie besitzen Ihren Shop, Ihren Code und Ihre Daten.
- Shopify: Maximale Einfachheit. Sie mieten einen Shop und können sich auf den Verkauf konzentrieren.
Beide Ansätze haben ihre Berechtigung — die Frage ist, welcher zu Ihrem Geschäftsmodell passt.
Kosten im Vergleich: Die wahre Rechnung
Der Kostenvergleich ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Shopify wirbt mit günstigen Einstiegspreisen, Shopware mit dem Wegfall von Transaktionsgebühren. Schauen wir genauer hin:
Shopify-Kosten
- Basic: 36 €/Monat + 2 % Transaktionsgebühr (ohne Shopify Payments)
- Shopify: 105 €/Monat + 1 % Transaktionsgebühr
- Advanced: 384 €/Monat + 0,6 % Transaktionsgebühr
- Plus: ab ca. 2.300 $/Monat (für B2B-Funktionen, individuelle Checkouts)
Dazu kommen Kosten für Premium-Themes (150-350 $), Apps (10-300 $/Monat pro App) und ggf. Shopify Payments als Zahlungsanbieter.
Shopware-Kosten
- Community Edition: Kostenlos (Open Source), nur Hosting-Kosten
- Rise (Cloud): ab 600 €/Monat
- Evolve / Beyond: Enterprise-Preise auf Anfrage
- Hosting: 30-150 €/Monat (Self-Hosted, je nach Traffic)
- Keine Transaktionsgebühren — nur Payment-Provider-Kosten (wie bei jedem Shop)
Rechenbeispiel: 50.000 € Monatsumsatz
Bei 50.000 € monatlichem Umsatz zahlen Sie bei Shopify (Advanced) allein 300 € Transaktionsgebühren pro Monat — zusätzlich zum Abo. Bei Shopware: 0 €. Über ein Jahr sind das 3.600 € Unterschied, die in Hosting und Entwicklung investiert werden könnten.
Fazit Kosten: Shopify ist günstiger beim Einstieg, wird aber mit wachsendem Umsatz teurer. Shopware hat höhere Initialkosten, ist langfristig bei steigendem Umsatz aber wirtschaftlicher.
Anpassbarkeit & Technik
Hier zeigt sich der fundamentale Unterschied beider Plattformen am deutlichsten:
Shopware: Open Source, unbegrenzt anpassbar
- Vollständiger Zugriff auf den Quellcode
- Eigene Plugins entwickeln (PHP, Symfony, Twig)
- Theme-System mit vollständiger Kontrolle über HTML, CSS, JavaScript
- API-first: Store API und Admin API für Headless-Szenarien
- Erlebniswelten (Shopping Experiences) als visueller CMS-Editor
- Flow Builder für Automatisierungen
Shopify: Theme-System mit Grenzen
- Themes basieren auf Liquid (Shopifys eigene Template-Sprache)
- Anpassungen über Theme-Editor, Section Blocks oder Custom Code
- Kein Zugriff auf Backend-Code oder Datenbank
- Apps ergänzen fehlende Funktionen — aber jede App ist ein zusätzlicher Kostenpunkt und ein potenzielles Performance-Risiko
- Hydrogen (React-basiert) für Headless — relativ neu, Community noch klein
- Checkout nur bei Shopify Plus anpassbar
Praxisbeispiel
Ein Kunde benötigte einen konfigurierbaren Produktfinder mit Echtzeit-Preisberechnung und Anfrage-Workflow. Mit Shopware: eigenes Plugin, nahtlos integriert, volle Kontrolle. Mit Shopify: Entweder eine teure App, die nur 80 % abdeckt, oder eine externe Anwendung, die per API angebunden wird — mit zusätzlicher Infrastruktur und Wartungsaufwand.
Fazit Technik: Wer individuelle Anforderungen hat, die über Standard-Shop-Funktionen hinausgehen, fährt mit Shopware besser. Für einen Standard-D2C-Shop reicht Shopify oft aus.
B2B-Commerce: Hier trennt sich die Spreu vom Weizen
B2B-E-Commerce hat andere Anforderungen als B2C: Staffelpreise, Kundengruppen mit individuellen Sortimenten, Netto-Preise, Angebotsanfragen und ERP-Integration. Hier zeigen sich gravierende Unterschiede:
Shopware B2B-Funktionen (nativ)
- Kundengruppen mit individuellen Preisen und Sortimenten
- Staffelpreise und Mengenrabatte
- Netto-Preisanzeige (B2B-Standard im DACH-Raum)
- B2B-Suite mit Budgetverwaltung, Schnellbestellung, Bestelllisten
- Angebotsanfragen und individuelle Warenkörbe
- Separate Sales Channels für B2B und B2C gleichzeitig
Shopify B2B-Funktionen
- B2B-Grundfunktionen erst ab Shopify Plus (ab 2.300 $/Monat)
- Wholesale Channel für Großhandelspreise (eingeschränkt)
- Kundenspezifische Preislisten über Metafields möglich, aber umständlich
- Netto-Preisanzeige nur über Apps oder Custom Code
- ERP-Integration über Apps (zusätzliche Kosten)
Fazit B2B: Für B2B-Commerce ist Shopware klar überlegen. Die nativen B2B-Funktionen in Shopware 6 sind umfassend und ohne Aufpreis verfügbar. Bei Shopify zahlen Sie für vergleichbare Funktionalität den Plus-Tarif — das sind 27.600 $ pro Jahr Mindestkosten.
DSGVO & Datenschutz: Ein kritischer Faktor
Für Unternehmen im DACH-Raum ist die DSGVO-Konformität nicht optional — sie ist gesetzliche Pflicht. Hier gibt es einen klaren Unterschied:
Shopware
- Hosting-Standort frei wählbar: Deutsche Rechenzentren, europäische Cloud — Sie entscheiden
- Volle Kontrolle über Kundendaten, Bestelldaten und Zugriffsrechte
- Cookie-Consent nativ konfigurierbar
- Keine Datenübertragung an Drittanbieter durch das Shopsystem selbst
- AVV (Auftragsverarbeitungsvertrag) nur mit Ihrem Hoster nötig
Shopify
- Server in den USA und Kanada — auch für europäische Shops werden Daten transatlantisch verarbeitet
- EU-US Data Privacy Framework als Rechtsgrundlage (Nachfolger von Privacy Shield — rechtlich umstritten)
- Cookie-Consent über Apps (z. B. Consentmo, CookieBot) — zusätzliche Kosten
- Apps von Drittanbietern verarbeiten oft ebenfalls Daten in den USA
- Weniger Kontrolle darüber, welche Daten wohin fließen
Fazit DSGVO: Shopware bietet volle Kontrolle und klare DSGVO-Konformität. Bei Shopify müssen Sie zusätzlichen Aufwand betreiben und sich auf das EU-US Data Privacy Framework verlassen — eine Rechtsgrundlage, die nach dem Schrems-II-Urteil nicht von allen Datenschützern als ausreichend angesehen wird.
Performance & SEO
Beides sind entscheidende Faktoren für den Erfolg eines Online-Shops:
Shopware Performance
- Performance abhängig vom Hosting — mit gutem Server exzellent
- Caching-Strategien frei konfigurierbar (Varnish, Redis, CDN)
- Bei Headless-Setups (Shopware + Next.js): erstklassige Core Web Vitals
- Keine Drittanbieter-Scripts durch das Shopsystem selbst
Shopify Performance
- Globales CDN von Shopify — grundsätzlich schnell
- Aber: Jede installierte App fügt JavaScript hinzu — 10+ Apps können die Ladezeit verdoppeln
- Wenig Kontrolle über Caching und Server-Konfiguration
- Shopify Liquid rendert serverseitig — aber ohne moderne SSG/ISR-Möglichkeiten
SEO
Beide Plattformen bieten solide SEO-Grundlagen (Meta-Tags, Canonical URLs, Sitemap). Shopware bietet mehr Kontrolle über URL-Strukturen, hreflang-Tags und technisches SEO. Shopify hat Einschränkungen bei der URL-Struktur (feste Pfade wie /products/, /collections/) und begrenzte Kontrolle über robots.txt.
Fazit Performance: Bei sauberem Setup sind beide Plattformen schnell. Shopware bietet mehr Optimierungsmöglichkeiten, Shopify punktet mit einem guten Grundniveau ohne Konfigurationsaufwand. In der Praxis sind Shopify-Shops durch App-Overload oft langsamer als nötig.
Internationalisierung & Mehrsprachigkeit
Für Unternehmen, die international verkaufen wollen, ist die Mehrsprachigkeit ein entscheidender Faktor:
Shopware
- Native Mehrsprachigkeit mit unbegrenzten Sprachen
- Separate Sales Channels pro Land/Sprache mit eigener Domain
- Individuelle Sortimente, Preise und Währungen pro Sales Channel
- Steuersätze pro Land konfigurierbar
- Keine zusätzlichen Kosten für Mehrsprachigkeit
Shopify
- Shopify Markets für Multi-Country-Selling (ab Shopify-Plan)
- Bis zu 20 Sprachen (über Translation-Apps oder Shopify Translate & Adapt)
- Lokale Währungen und Zahlungsmethoden über Shopify Markets
- Eingeschränkte Kontrolle über länderspezifische Sortimente
- Erweiterte Funktionen nur in Markets Pro (zusätzliche Kosten)
Fazit International: Beide Plattformen unterstützen internationalen Verkauf. Shopware bietet mehr Flexibilität bei der Konfiguration pro Markt, Shopify macht den Einstieg einfacher. Für komplexe Multi-Country-Setups mit unterschiedlichen Sortimenten und Preisstrukturen ist Shopware die flexiblere Wahl.
Wann welche Plattform? Meine Empfehlung
Nach über 13 Jahren im E-Commerce und Dutzenden von Shopware-Projekten ist meine Empfehlung differenziert:
Shopware 6 empfehle ich für:
- B2B-Commerce: Staffelpreise, Kundengruppen, Netto-Preise — nativ und ohne Aufpreis
- DACH-Fokus: DSGVO-konform, deutsche Community, lokaler Support
- Individuelle Anforderungen: Konfiguratoren, Workflows, Schnittstellen, die über Standards hinausgehen
- Wachsende Shops: Ab 50.000 € Monatsumsatz rechnet sich der Wegfall der Transaktionsgebühren
- Headless-Projekte: API-first-Architektur in Kombination mit Next.js oder React
- Datenhoheit: Wenn Sie volle Kontrolle über Ihre Infrastruktur und Daten benötigen
Shopify empfehle ich für:
- Schneller Markteinstieg: Shop in wenigen Tagen statt Wochen live
- D2C-Brands: Direktverkauf an Endkunden mit überschaubarem Sortiment
- Internationale Skalierung: Shopify Markets macht den Start in neue Länder einfach
- Geringes technisches Know-how: Kein Server-Management, keine Updates — Shopify kümmert sich
- Dropshipping: Zahlreiche Dropshipping-Apps und Fulfillment-Integrationen
- Begrenztes Startbudget: Niedrige monatliche Kosten beim Einstieg
Mein Rat
Lassen Sie sich nicht von Marketing-Versprechen leiten. Analysieren Sie Ihr Geschäftsmodell, Ihre Zielgruppe und Ihre technischen Anforderungen — dann fällt die Plattformwahl meistens eindeutig aus. Und wenn Sie unsicher sind: Eine unabhängige E-Commerce-Beratung spart langfristig mehr, als sie kostet.
Fazit: Kein Gewinner — nur die richtige Wahl
Shopware vs. Shopify ist kein Duell mit einem klaren Sieger. Beide Plattformen sind ausgereift, stabil und erfolgreich. Der Unterschied liegt in der Philosophie:
- Shopware gibt Ihnen die Schlüssel zu Ihrem Shop. Sie haben volle Kontrolle, volle Anpassbarkeit und volle Datenhoheit — aber auch die Verantwortung für Hosting, Updates und Sicherheit.
- Shopify nimmt Ihnen diese Arbeit ab, verlangt dafür aber Transaktionsgebühren, begrenzt Ihre Anpassungsmöglichkeiten und speichert Ihre Daten auf US-Servern.
Für die meisten meiner Kunden im DACH-Raum — insbesondere im B2B-Bereich und bei individuellen Anforderungen — ist Shopware die bessere Wahl. Aber ich berate ehrlich: Wenn Shopify für Ihr konkretes Projekt die bessere Lösung ist, sage ich Ihnen das auch.
Sie stehen vor der Plattformwahl und wünschen sich eine unabhängige Einschätzung? Sprechen Sie mich an — das Erstgespräch ist kostenlos und unverbindlich.
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